Archiv für 30. August 2009

Alt-Höchst

Heute Vormittag habe ich endlich mal den historischen Altstadtspaziergang mit Gudula, dem Schlossgeist und Schorsch dem Bärenwirt (verkörpert von Silke Wustmann und Mario Gesiarz vom Frankfurter Mundart-Theater Rezi*Babbel*) mitgemacht. Das hat wirklich Spaß gemacht und ich hätte nicht gedacht, dass Höchst während des Mittelalters fast noch mehr Kneipen und Gasthöfe besessen hat als heute (wieder).  Die Höchster Geschichte ist mir zwar im Großen und Ganzen bekannt, aber dieser amüsante Spaziergang schärfte nochmal den Blick für Details. Los ging es am Alten Schloss, in dem Gudula vom Mainzer Ritter Hartmut eingemauert worden war, als er ihr überdrüssig wurde. Zeitgleich spielte dort eine Jazzband, sodass wir relativ schnell zum Neuen Schloss weiter gelaufen sind, weil man Schorsch und Gudula sonst nicht verstanden hätte.

schorsch1Der “Schorsch” (= Georg für Nichthessen!) auf dem Schlossplatz

gudulaUnd Gudula, der Schlossgeist (die arme, eingemauerte Exgeliebte des bösen Hartmut)

bergfried1Wir reden vom Alten Schloss – euch allen wohlbekannt.
Es entstand zwischen 1586 und 1608 unter dem Kurmainzer Erzbischof Wolfgang von Dalberg.

schlossdurchgangDurchgang ins Innere und zum Schlossgarten

schlossneu2Nur ein paar Schritte weiter: das Neue Schloss

Der ehemalige Adelshof aus dem späten 16. Jahrhundert wurde seit 1972 von der Hoechst AG als Gästehaus sowie als Tagungszentrum genutzt. Nach dem Verkauf des Konzerns wurde es für einen symbolischen Preis an die Deutschen Stiftung Denkmalschutz verkauft. Anders als das Alte Schloss ist kaum zugänglich, sondern wird nur hin und wieder für Veranstaltungen genutzt.

Weiter ging es zum Dalberger Haus, ebenfalls Adelssitz aus dem 16. Jahrhundert. Hier hat die weltbekannte, 1746 gegründete Höchster Porzellanmanufaktur ihren Sitz. Sie ist die zweitälteste Porzellan-Manufaktur in Deutschland und die einzige Porzellan-Manufaktur in Hessen.

dalberger1

Dass man in Höchst sooft auf die Familie von Dalberg trifft, liegt daran, dass Höchst lange bevor es zu Frankfurt eingemeindet wurde, zum Bistum Mainz gehörte. Deshalb trägt das Höchster Wappen auch das Mainzer Rad und die Höchster  und Frankfurter haben sich oft genug bekriegt. Die Bolongarostraße in Höchst (früher Hauptstraße) ist die Verlängerung der Mainzer Landstraße zwischen Frankfurt am Main und Mainz. Kein Wunder also, dass sich entlang dieser Straßen früher die Gasthöfe und Kneipen befanden, ebenso die “Rosengasse” (heute Antoniterstraße), das mittelalterliche Rotlichtviertel.

wedDieses wunderschön restaurierte Fachwerkhaus (in der Mitte) war bis vor Kurzem noch ein absoluter Schandfleck in der Höchster Altstadt. Es war so herunter gekommen, dass man glaubte, man könne es nur noch abreißen. Inzwischen hat es neue Besitzer, die es liebevoll restauriert haben. Das ist für mich  das Faszinierende in Höchst, dass fast alles was hier einen vor mehreren Jahrzehnten optisch ziemlich heruntergekommenen Stadtteil wiederbelebt, auf privater Basis passiert. Dem Höchster Altstadtverein sei Dank!

greiffenclau

Über den Platz “Die Wed” geht es an einem weiteren früheren Adelshof vorbei, der den Mainzer Herren von Greiffenclau gehörte und 1590 erbaut wurde. Zu diesem Haus gehört ein oktogonaler Treppenturm, der jahrzehntelang vergessen war und erst kürzlich wieder freigelegt wurde. Er ist heute nur über ein  Haus am Marktplatz zu erreichen (Höchster Markt3) und war ein Teil der alten Stadtbefestigung. Dieser Turm ist noch älter. Er wurde von der Zehntscheuer eines Fronhofes übernommen (mehr dazu für Interessierte Hier). Diese Dinge wurden übrigens nicht so ausführlich erzählt, das weiß ich alles schon länger. Übrigens: Unter Wed verstand man eine ummauerte Pferdeschwemme, wo die Pferde gesäubert wurden, ehe sie wieder in den Stall durften. (sprachlich mit dem engl. wet = nass verwandt). Die Höchster Wed war ein ehemaliger Bachlauf des Liederbachs mit Einleitung in den Höchster Burggraben. Genug der Theorie – weiter geht’s mit Fotos:

pflanzenWo ein Wille ist, ist auch ein Weg für’s Grünzeug ;-)

muenzeKneipe reiht sich an Kneipe (jedenfalls wenn man dem Schorsch glaubt)

ebbelwei

Und in der Tat erwartet uns plötzlich ein “Gespritzter” (mit Wasser gespritzter Apfelwein)

anno1525Ein Lob sei dem Wirt der historischen Altstadtkneipe “Anno 1525″

So allmählich komme ich nun auch zum Ende, aber Höchst hat noch sehr viel mehr zu bieten. Hier noch ein Blick auf das Alte Rathaus, bevor wir wieder am Schlossplatz landen. In der Nähe befindet sich auch die historisch bedeutsame Justinuskirche, die gerade mal wieder aufwändig restauriert wurde. Noch stehen die Bauzäune, aber demnächst kann man sie wieder besichtigen.

rathausDas Alte Rathaus im Allmeygang 4, ein repräsentativer Treppengiebel-Bau
zwischen 1593 und 1595 errichtet. Teilweise wurde hier ein noch früherer mittelalterlicher Bau integriert.

Wollt ihr noch wissen, was “Allmeygang” bedeutet? Mich fasziniert es immer wieder hinter solche Namen zu gucken, die nicht auf den ersten Blick verständlich sind. Die Allmey (Allmende) war der gemeinsam genutzte Besitz an Wasser, Wald und Weide, eine  ehemalige Kuhweide, im Mittelalter „allmey zu den dieffen wegen“. Durch gemeinsame jährliche Begehungen im Mai, dem „Allmeygang“, wurden die Grenzen der einzelnen Eigentümer überprüft.

So, hier will ich Schluss machen, sonst wird es zuviel. Ich hoffe, euch hat der Spaziergang durch Alt-Höchst ebenso viel Freude gemacht wie mir.

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