Alle Jahre wieder
Weihnachtspost- für mich ein ganz leidiges Thema. Irmgard fragt ihre LeserINNen, wie sie es damit halten und ich schreibe euch einfach meinen Kommentar von dort hier hinein.
Ich gestehe, ich habe noch nie gerne Karten oder Briefe geschrieben, selbst E-mails sind da keine Ausnahme. Und gerade solche Feiertagskarten empfinde ich eigentlich nur als überflüssige Routine. Wenn ich wirklich das Bedürfnis habe, einem lieben Menschen zu schreiben, dann eher außerhalb dieses “Saisongeschäftes”. Dann ist auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Brief oder die Karten ankommen. Durch das Bloggen fühle ich mich mehr oder weniger verpflichtet einigen Bloggerinnen, mit denen ich viel Kontakt habe, wenigstens eine schön gestaltete Weihnachtsemail zu schicken, aber ich steh nicht wirklich dahinter, genauso wenig wie hinter dem ganzen Weihnachtsgedöns. Manchmal frage ich mich, ob ich ein bisschen was von einem Autisten an mir habe – kann schon sein. Aber sehr viel mehr habe ich einfach keine Lust auf Rituale, die mir inhaltlich nichts bedeuten. Weihnachten mit der Familie – ja – weil man einfach mal Zeit für einander hat, aber sonst eher nicht.
Vermutlich werden die wenigsten von euch das verstehen. Aber die, die mich schon länger kennen, kennen auch diese Einstellung von mir. Das heißt nicht, dass ich mich nicht freuen kann, wenn ich selbst eine schöne Karte bekomme, das schon, aber ich erwarte das nicht. Und ich bitte euch einfach mir zu glauben, es ist nicht böse gemeint, keine Missachtung eurer Person, wenn ihr keine Weihnachtspost von mir bekommt. Je älter ich werde, umso mehr bin ich überzeugt, dass man sich so verhalten sollte, wie es einem selbst richtig erscheint. Sich verbiegen, um irgendwelche Rituale zu erfüllen, das kann’s für mich einfach nicht mehr sein.
Seltsame Sitten
Aus einem Newsletter vom British Shop: “Weihnachten ist die Zeit des Schenkens und des Dankens, aber angeblich sagen die Briten nicht mehr “thank you”. Laut einer Umfrage bevorzugen sie stattdessen das Wörtchen “cheers“, das früher ein Trinkspruch war, aber seine Bedeutung erweitert hat. Tatsächlich hören Sie es in Großbritannien ständig – ob Sie nun jemandem die Tür aufhalten oder dem Straßenmusikanten ein Pfund in den Hut legen. Ein anderer beliebter Ausdruck – insbesondere bei älteren Leuten – ist “ta”, gesprochen “taa”, eine uralte und etwas kindliche Kurzform der Kurzform “thanks”, an die sich fast zwangsläufig ein Kosename anschließt: “Ta, mate” (Kumpel), wenn Sie ein Mann sind oder “Ta, luv” (Schätzchen), sind Sie eine Frau. Junge Leute oder solche, die jung wirken wollen, wählen oft Dankesworte, die eigentlich eine völlig andere Bedeutung haben: “fab”, “great”, “nice one” oder sogar “wicked”, was “boshaft” heißt, aber – wie bei uns der “Wahnsinn!” – auch Positives umschreiben kann. Die Vorstellung, dass jemand beim Auspacken eines mit Liebe ausgesuchten Geschenks “wicked!” ruft, hat allerdings etwas Komisches.” (Zitatende)
Sprache unterliegt ständig der Veränderung, ob wir das gutfinden oder nicht (es sei denn, wir befinden uns in Frankreich). Aber damit als Ausländer zurecht zu kommen, ist sicher nicht einfach. Was mir im Laufe dieses Jahres bei uns aufgefallen ist: Seit vielleicht zwei Jahren und bis vor Kurzem war es extrem in Mode gekommen, dass man auf ein “Danke” ein “gerne” oder “sehr gerne” anstelle des bisher gebräuchlichen “bitte” zu hören bekam. Fand ich das am Anfang sehr erfrischend, ging es mir irgendwann auf den Keks. Und offensichtlich nicht nur mir. Auf einmal verschwindet es wieder. Mir fällt das vor allem bei Radiointerviews immer wieder auf. Dort sagen die Leute plötzlich nach dem “Danke” auf der einen Seite nun “Ich danke Ihnen” – umständlich, aber mal wieder was Anderes. Mal sehn, wie lange sich das hält. Im englischsprachigen Raum fände ich es ja gut, wenn sie mal einen anderen Ausdruck für “you are welcome” finden würden. “Sie sind willkommen” ist ein wunderschöner Satz, aber als “bitte” nach einem “danke” irritiert es mich doch immer wieder. Wenn man es mir gegenüber benutzt, ist es ja okay, aber ich selbst tu mich damit schwer. Vermutlich weil ich so selten Englisch spreche, dass ich halt immer übersetze. Es ist für mich nicht selbstverständlich – leider.
Advent, Advent
Irgendwie passt es ja zu dem ganzen häuslichen Chaos und geahnt hab ich es auch: die SchwieMu ist gerade vom Notarzt ins Krankenhaus gebracht worden wegen starker Atemnot. Wir hatten Alle gerade noch trotz der provisorischen Wohnbedingungen gemütlich beim Essen zusammen gesessen, da ging das Telefon und die Pflegerin meiner Schwiegermutter rief an: Bitte schnell rüber kommen. Meine Schwiegermutter bekam schlecht Luft und hatte offenbar große Angst. Also wurde der Notarzt geholt und nun sind sie, ihre Pflegerin und Stefan im Krankenhaus. Eigentlich ist es wirklich grotesk. Seit knapp zwei Jahren möchte sie am liebsten sterben, sie hört nichts, sie sieht kaum noch, isst fast nichts mehr und ist mit ihren 98 Jahren nur ein Schatten ihres einstigen Selbst, und nun wird man im Krankenhaus wieder alle Hebel moderner Medizin in Bewegung setzen, um sie “gesund” zu machen.
Letzte Woche wurde auf der Königsteiner Straße ein fünfjähriger Junge von einem Auto überfahren, als er die Ampel bei (für ihn) Grün überquerte. Ihm konnten die Notärzte nicht helfen. Glaubt noch jemand an (einen gerechten) Gott?
Sirenen
. . . im Industriepark warnen uns immer, wenn dort ein Chemieunfall passiert. Heute um 11 Uhr war’s mal wieder soweit. Nach Angaben des Unternehmens Akzo Nobel trat das extrem leicht entzündliches Chlormethan sowie giftiger Chlorwasserstoff aus. Wie es dazu kam, ist bislang noch unklar. Die Feuerwehr habe die gasförmigen Stoffe mit einem Wasserschleier zu Boden gebracht, das Wasser sei in einem speziellen Behälter aufgefangen worden. Also mal wieder gutgegangen. Trotzdem machen solche Ereignisse einem immer wieder klar, dass wir seit einem Jahrhundert in Höchst, Sindlingen und Unterliederbach mehr oder weniger auf einem Pulverfass sitzen. In meiner Kindheit machte man sich über Chemieunfälle noch weit weniger Gedanken, Vieles wurde vertuscht und so ziemlich Alles, was man an giftigen Stoffen produzierte, in die Luft gepustet oder in den Main geleitet. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Spätestens seit Seveso wurden Auflagen und Richtlinien drastig verschärft. Das führt inzwischen allerdings auch zu so seltsamen Zuständen, dass Neubaugebiete in unserer Nachbarschaft nicht mehr genehmigt werden, obwohl sie auch nicht näher am Industriepark liegen würden als die seit Jahrhunderten existierenden Stadtteile. Im Grunde soll mir das recht sein, obwohl ich es gut finde, dass man mit der vor Jahren angefangenen “Parkstadt” nun doch weiter macht. Alles besser als das derzeitige Ghetto. Es ist schon seltsam: wenn ich an den Industriepark denke und an den Fluglärm vom Fraport, dann kann man heutzuge jungen Familien eigentlich nur empfehlen, nicht in den Grüngürtel zu ziehen sondern besser direkt in die Innenstadt. Dort lebt es sich inzwischen potenziell gesünder.
Protestbewegungen
. . . wie wir sie aus den späten 1960er und 1970er Jahren kannten, gab es in den letzten 30 Jahren kaum noch. Momentan rührt sich wieder was, zumindest werden die Aktionen gegen die Macht der Finanzwelt immer mehr. Ich finde das gut. Und nicht nur dagegen sollte man lautstark protestieren. Ihr findet in der linken Sidebar einen Petitionsaufruf gegen den Fluglärm des Frankfurter Flughafens. Es gab rund um Frankfurt schon immer Bereiche, die vom Fluglärm unverhältnismäßig betroffen waren. Aber seitdem vor Kurzem die neue Landebahn Nordwest eröffnet wurde, ist es eine echte Katastrophe geworden.
Der Fluglärm ist über manchen Gebieten einfach unerträglich geworden. Ich bin häufig in Flörsheim und Weilbach unterwegs. Da möchte ich nicht wohnen! Und das habe ich schon vorher geschrieben, also bevor die neue Landebahn eröffnet wurde. Ihr erinnert euch vielleicht an meinen Bereich über das kleine Bad Weilbach – idyllisch gelegen, zu Kaisers Zeiten ein beliebtes Kurbad und heute kann man die Flieger fast mit der Hand greifen, wenn sie einem fast die Kopfhaare rasieren. Die Flugzeuge donnern nebenbei über die schönsten Bereiche der Regionalparkroute hinweg – super! Aber auch bei uns in Frankfurt-Unterliederbach hat der Lärm zugenommen. Im günstigsten Fall ist ein Dauergrummeln zu hören, aber oft genug ist es sehr viel lauter.
Macht mit und unterschreibt diese Petiition, wenn Ihr auch betroffen seid oder auch dann, wenn Ihr denkt, dass unser Anliegen vernünftig ist und unterstützt werden sollte.
* * *
Man müsste noch gegen sehr viel mehr protestieren. Ich weiß nicht, wer in dieser Woche den Zweiteiler “Verschollen am Kap” gesehen hat. Der Film war als solcher nicht unbedingt der ganz große Wurf, aber das Problem, das hier angeschnitten wurde, ist im Grunde ein ganz heißes Eisen. Wenige große Konzerne reißen sich die Ressourcen dieser Welt unter den Nagel und wir alle werden von ihnen abhängig. Egal ob es Wasser, Strom, Nahrungsmittel oder was auch immer betrifft. Zunächst trifft es die Ärmsten, die sich sowieso nicht wehren können, die Entwicklungsländer oder auch die Armen im eigenen Land. Aber irgendwann trifft es uns alle. Das Dumme ist nur, dass niemand zurückstecken will, solange er noch mitmischen kann. Wir jammern zwar darüber, dass unsere Nebenkosten immer höher werden, die Nahrungsmittel immer schlechter und undurchschaubarer, aber wer ist schon bereit, am sogenannten Fortschritt mal nicht teilhaben zu wollen? Es wird es einfacher, wenn man älter wird. Dann muss es nicht mehr das neueste Handy sein, nicht mehr das dritte Paar Stiefel oder die vierte Winterjacke, nur weil sie gerade chic ist. Da macht man sich schon mal Gedanken, ob man einen Weg statt mit dem Auto nicht auch zu Fuß oder mit dem Rad erledigen kann oder ob man aus den Resten vom Mittagessen nicht doch noch etwas Neues zaubern kann, anstatt sie in den Müll zu kippen. Aber das reicht nicht. Denn am nächsten Tag kaufe ich vielleicht doch den neuen Laptop, weil er schneller ist als der alte oder die nächste Digitalkamera und bin mitschuld am Raubbau, der an unserer Erde getrieben wird. Wir sollten wirklich darüber nachdenken und vor allem was tun.
















Eure Kommentare