Und nun der letzte Beitrag für heute (denk ich jedenfalls). Das “Gesetz der Serie” steht noch aus – ein Projekt von Paleica. Und im Juni heißt das Thema:
Zeitzeugen (Erinnerung is nur a Rafenspur im Sand)
Die Fotos dazu habe ich schon vor zwei Wochen fotografiert, aber irgendwie sind Emotionen und Gedanken damit verknüpft, die mich haben zögern lassen. Im Frankfurter Stadtteil Höchst, der eng mit Unterliederbach zusammengewachsen ist und in dem ich geboren wurde, wurde vor einigen Jahren das alte Kaufhaus Hertie abgerissen, das vor meiner Zeit den Höchstern als Kaufhaus “Schiff” ein Begriff war. Hier gibt es inzwischen ein neues Gebäude – und das war eine schwierige Geburt, die mit dem Stadtteil selbst zusammen hängt – und sowohl vor dem neuen Gebäude im Pflaster als auch an ihm selbst gibt es Gedenktafeln bzw. sogenannte “Stolpersteine”. Das “Schiff” war ein renommiertes Kaufhaus, gegründet von jüdischen Besitzern. Höchst hatte immer eine große jüdische Gemeinde, das war völlig normal. In diesem Kaufhaus hat mein Vater (*1909, + 1970), der später in einem großen Frankfurter Sporthaus als Geschäftsführer tätig war, seine kaufmännische Ausbildung erhalten. Als die Nazis mit den Judenverfolgungen anfingen, blieb natürlich auch Höchst davon nicht verschont. Viele Angestellte des Kaufhauses traten damals pro forma und auf Wunsch des Chefs in die “Partei” ein, weil Herr Schiff sich wohl davon versprach, dass seine Familie und seine Angestellten von den Nachstellungen verschont bleiben würden. Das war aber nicht so und davon erzählt auch die Gedenktafel. Die Familie Schiff wanderte nach Amerika aus, das Kaufhaus fiel in die Hände der Nazis. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges haftete dann aber nicht nur meinem Vater der Nazistempel an. Erst nachdem ein Mitglied der ausgewanderten Familie Schiff sich von den USA aus für ihn und die anderen früheren Angestellten verbürgte, fand die sogenannte “Entnazifizierung” statt. Ich selbst kenne das allerdings auch nur aus Erzählungen meines älteren Bruders. Meine Eltern haben über diese Dinge nie gesprochen.
Auch die Stolpersteine erinnern an deportierte und ermordete jüdische Bürger. Sie befinden sich direkt auf dem Fußweg. Kaum jemand beachtet sie. Weiterhin gibt es anstelle der niedergebrannten ehemaligen Synagoge eine Gedenktafel und – davon habe ich schon einmal erzählt – eine 3D-Installation, bei der man durch eine Art Fernrohr blickend, die alte Synagoge von außen und von innen als farbiges, räumliches Bild sehen kann. Das ist beeindruckend.
Den Menschen, die noch älter sind als ich, ist das alles wohl noch gut im Gedächtnis. Deshalb wurde beispielsweise erst vor kurzem die Skulptur “Der Krieg”, die lange auf dem Platz vor der ehemaligen Synagoge stand, dort entfernt. Der Grund? Der Künstler (Richard Biringer (1877 – 1947) soll ebenfalls ein Nazi gewesen sein, was ich aber für unwahrscheinlich halte. Ja, er hat auch für die Nazis irgendwelche Auftragsarbeiten übernommen, aber wer hat das damals denn nicht, wenn es ums Überleben ging? Die Bronzeplastik des Höchsters wurde 1928 in Erinnerung an die Opfer des ersten Weltkriegs errichtet. Mich hat die Verlegung damals geärgert, weil mich diese ewig gestrigen Gutmenschen manchmal einfach nur nerven. Wie heißt es in der Bibel? Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Inzwischen steht die Plastik unterhalb des Ochsenturms an der alten Stadtmauer und ich finde, dass sie dort eigentlich einen sehr würdigen Platz bekommen hat. Bei Gelegenheit muss ich sie dort mal fotografieren. Das alte Bild, das ich früher mal vor der ehemaligen Synagoge gemacht habe, kann ich nicht mehr finden.
Puh – jetzt habe ich euch aber vollgetextet. Falls jemand bis zum Ende mitgelesen hat, so sage ich herzlichen Dank dafür.



@Otto Schiff: Aha – dann war Onkel Willy der Hausmeister und mein Vater war Abteilungsleiter. Mein Bruder kennt sich da besser aus als ich. Danke für die Auskunft. Dass sich mein Vater mit Fahrrädern und Fußball auskannte, glaube ich gerne.
Liebe Elke,
Nur um das klar zu stellen.
Da waren zwei Herren Höhl bei Schiff. Einer war der Hausmeister.
Der andere war Abteilungsleiter in der Sport Abreilung.
Vielleicht war er Dein Vater.
Er hat mir immer gehlfen mit Fahrad und Fußball Problemen.
Übrigens, Du bist an Fotografie und Kameras interessiert.
Meine Frau, Marilyn und ich hatten eine Firma, SCHIFF PHOTO MECHANICS:
Wir haben Muti Image Kameras für Ultraschall fabriziert.
Grüße,
Otto
@ Otto Schiff: Neunzig Jahre also. Mein Vater wäre inzwischen 102 Jahre alt. Mein Bruder sagte mir übrigens, dass Sie vermutlich meinen Onkel Willy meinten, nicht meinen Vater Robert Höhl. Willy Höhl war im Kaufhaus Schiff Hausmeister. Das wusste ich natürlich nicht.
Ich war in einer Klasse von drei und vierzig Jungens im Höchster Gymnasium
Nach dem Krieg habe ich Höchst besucht und habe zwei alte Mitschüler getroffen.
Konrad Christ und Klemens Rieth. Ich bin 90 Jahre alt und der einzige Überlebende.
Es wird nicht so genannt aber Hitler hat auch einen deutschen Holokaust veruracht.
Grüße,
OTTO sCHIFF
Das glaub ich Dir gern, dass Du da baff warst. Ich hätte mich auch riesig gefreut. Schön, dass der Herr so nette Zeilen hinterlassen hat.
Liebe Grüße von Kerstin.
Hallo Elke,
auch das ist ein Vorteil der weltweiten Verbindung durchs Internet. Man ist durch die vielfältigen Verbindungen auch der eigenen Geschichte viel näher, als man für möglich gehalten hätte. Es war für Hern Schiff sicher auch berührend, dass auch Nachkommen ehemaliger Mitarbeiter sich immer noch an die Familie erinnern. Die “Stolpersteine” fand ich von Anfang an eine geniale Idee. Noch schöner wäre natürlich, man hätte sie nie gebraucht.
Liebe Grüße,
Johanna
Danke liebe Elke.
Ich habe es bis zum Ende gelesen und hab Gänsehaut wegen den Erinnerungen.
Danke für diesen Post.
Liebe Grüsse, Elke
Liebe Elke!
Ich war und bin der Meinung, dass es keine Zufälle gibt.
Jetzt bin ich (wieder einmal) total beeindruckt von den Wegen des Schicksals.
Lieben Gruß
Lemmie
@Otto Schiff: Hallo Otto – das glaub ich jetzt fast nicht. Es gibt also noch Schiffs, die sogar per Internet auf Eintragungen wie diese hier in meinem Blog stoßen! Und Sie haben tatsächlich meinen viel zu früh verstorbenen Vater noch gekannt? Das berührt mich sehr. Danke, dass Sie sich gemeldet haben. Durch Carmel by the Sea bin ich mit meinem Mann im Spätsommer 2008 durchgefahren, als wir in Kalifornien Urlaub gemacht haben. Uns hat dort der Point Lobos Park sehr beeindruckt. Schaun Sie mal hier: http://mainzauber.de/blog09/2008/09/28/ausruhen-in-santa-barbara/
Herzliche Grüße in die USA – Elke
Elke,
Höchst ist eine alte Liebe von mir.
Ich habe dort gewohnt und das Gymnasium besucht bis die Naz Hunde uns das Leben schwer gemacht haben. Mein Vater, Paul Schiff und sein Bruder Karl, hatten Höchst sehr gerne und es war schwer für
die ganye Familie Höchst yu verlassen. Ich habe in dem Geschäft um Weihnachten mitgeholfen und später
habe ich mit Herrn Höhl die Scherengitter an den Aufzügen repariert.
Ich wohne jetyt in einer kleinen Stadt in Kalifornien, Carmel by the Sea. Es freut mich etwas über Höchst
zu hören.
Liebe Elke,
beim Lesen Deines Beitrags bekam ich ‘ne dicke fette Gänsehaut – ich habe 25 Jahre in Ffm/Höchst gelebt, vor zwei Jahren bin ich nach Unterliederbach ‘ausgewandert’ ;-), ich kenne also sowohl die Biringer-Büste als auch die Stolpersteine.
Und auch ich habe den Holocaust in das Juni-Thema mit eingebunden! Und wie es der Zufall will, war ich vor kurzem erst wieder auf dem Höchster Markplatz und habe – wenn nicht schon die Synagoge – dann zumindest die Texttafel fotografiert. Die sollte eigentlich auch Teil des Juni-Themas werden, aber da nur drei Bilder erlaubt sind… ;-)
Bin immer noch total platt über die (hintergründigen) Parallelen zwischen Deinem Beitrag und meinem, z.B. was die Entstehung der Fotos betrifft. Das muss sich jetzt erst mal setzen… ;-)
Hallo Elke,
eine sehr gute Idee mit den Stolpersteinen ….. wir sind offensichtlich in einer ähnlichen Spur gelandet.
…. nur über die Steine meiner Serie kann man wirklich stolpern …..
liebe Grüße
Christel
eine großartige idee und schön, dass du es auch gezeigt hast. es freut mich, so tiefgründige beiträge zu meinem projekt zu bekommen!
Von Anfang bis Ende gelesen habe ich diesen interessanten Text, weil nur das Wissen über diese furchtbare Zeit verhindert, dass sie sich jemals wiederholt.
Liebe Elke,
Du hast Dir für Deinen Beitrag diesmal ein sehr bedrückendes Thema ausgesucht. Aber das ist gut so, denn diese Vergangenheit gehört auch zu unserem Leben. So etwas darf nicht vergessen werden.
Liebe Grüße
Jutta
Guten Abend, Elke, natürlich lese ich so einen interessanten Text von Anfang bis zum Ende durch.
Eine traurige Erinnerung, die niemals wieder geschehen darf.
Du machst Dir immer sehr viel Mühe mit den Erklärungen zu Deinen Bildern. Danke dafür.
Hab einen gemütlichen Abend.
Wir gucken “Wetten, dass?”.
Tschüssi, Brigitte
Elke ich habe GERNE bis zum SCHLUSS ausgehalten..
man darf es nicht vergessen…
LG vom katerchen der ein nettes Wochenende wünscht