Die einzige Möglichkeit Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen, sah ich darin einen Brief zu schreiben. Tagelang hatte ich nun darüber nachgedacht, wie es möglich war, dass dieser Mann meinem Vater so ähnlich sah. Meinem geliebten Vater, der so früh verstorben war, dessen Bild ich aber noch deutlich vor meinen Augen habe. Vielleicht nur von Fotos, das mag sein. Aber ich erinnere mich an jede Kleinigkeit in seinem Gesicht, seiner Haltung, seiner Gestik und Mimik.

Es war vor einer Woche in Wiesbaden, als ich mir in einem Eiscafé einen Platz gesucht hatte, um die Spätsommersonne zu genießen und einen Latte macchiato zu trinken. Diese kleinen Auszeiten mussten sein, wenn ich schon einen freien Tag hatte. Und ich mag es, in einem Straßencafè zu sitzen und die Menschen um mich herum zu beobachten. Ich hatte Glück, es war der letzte freie Tisch. Und dann kam plötzlich dieser Mann auf mich zu und fragte, ob an meinem Tisch noch ein Platz frei sei. Er war etwa in meinem Alter, attraktiv, aber vor allem – er sah aus wie mein Vater in meiner Erinnerung aussah. Ich starrte ihn an und er entschuldigte sich bereits wieder und wollte gehen, weil er ganz offensichtlich spürte, dass er mich irritierte.
“Nein”, sagte ich schnell und verhaspelte mich, “nein, ich meine ja, ja natürlich – nehmen Sie bitte Platz.”
“Wirklich?” fragte er nach. “Ich habe den Eindruck, ich störe eher.”
“Nein, bitte – und entschuldigen Sie, dass ich mich so dumm benehme. Sie erinnern mich nur an jemanden, das reinste Déjà-vu Erlebnis.”
Er lachte und  setzte sich.
“Ich hoffe nur, es ist eine angenehme Erinnerung.”
Eine rhetorische Frage, die keine Antwort erforderte.
Mein Kaffee kam und er bestellte. Am liebten wäre ich sofort aufgestanden und hätte das Café verlassen. Es war unmöglich, nicht immer wieder zu ihm hin zu sehen. Peinlich sowas! Er musste bemerkt haben, wie angestrengt ich versuchte ihn zu ignorieren, denn plötzlich sagte er: “Es war wohl doch keine gute Idee mich hierher zu setzen. Aber wenn ich nun schon hier sitze, dann kann ich mich auch vorstellen: Roland Kalmus.” Er lachte und fuhr dann fort: “Fünfunddreißig, ledig, Bankkaufmann, nicht vorbestraft, arbeite in Wiesbaden, lebe in Hofheim am Taunus.”
Ich wurde knallrot und anschließend kreidebleich. Roland Kalmus, wie war das möglich?
“Ich – tut mir leid. Das ist jetzt wirklich verrückt. Mein Name ist Christine, Christine Kalmus.” Ich schluckte und ergänzte schließlich ebenfalls:” Vierunddreißig, ledig, Physiotherapeutin. Ich arbeite und wohne in Frankfurt.”
Er sah mich an und überlegte anscheinend, ob ich ihn auf den Arm nehmen wollte. Schließlich fiel ihm wohl ein, dass ihm mein Verhalten von Anfang an zwar merkwürdig aber zumindest nicht irre vorgekommen war.
“Ist das wirklich war”, fragte er nach. “Sie heißen ebenfalls Kalmus?”
Ich nickte.
“Dann sollten Sie mir vielleicht erzählen, an wen ich Sie erinnere.”
“Das ist eigentlich alles nicht möglich. Aber sie sehen aus wie mein Vater.”
Er lachte. “Hm – das ist jetzt kein Kompliment. Dann müsste ich schätzungsweise so Ende Fünfzig sein.”
“Nein, nein. Mein Vater lebt nicht mehr. Er ist sehr früh gestorben. Er war damals erst Anfang Dreißig.”
“Das tut mir leid. Sie waren noch ein Kind. Das ist schlimm.”
“Ja” erwiderte ich und schloß für einen Moment die Augen.
Plötzlich war er nicht mehr dagewesen. Er hatte einen Unfall, hatte Mama gesagt, er kommt nicht wieder. Dann musste sie ins Krankenhaus. Die Nerven, murmelten die Großeltern, die mich lange Zeit bei sich aufnahmen.

“Und ihr Vater?” fragte ich aus einer plötzlichen Eingebung heraus.
“Meine Eltern leben glücklicherweise noch. Mein Vater hat demnächst Geburtstag. Deshalb muss ich mich jetzt auch wieder auf den Weg machen. Ich brauche noch ein Geschenk für ihn. Er feiert am kommenden Samstag seinen Sechzigsten.”
Roland Kalmus winkte der Bedienung und zahlte. Er wünschte mir noch einen schönen Tag und ging. Ich sah ihm nach. Am kommenden Samstag wäre mein Vater sechzig Jahre alt geworden.

Es war an der Zeit  meiner Mutter einen Brief zu schreiben. Sie war mir eindeutig eine Antwort schuldig.