Seit dem letzten Herbst hatte sich so viel verändert. Nachdenklich sah Kirsten auf ihre letzten Bankauszüge. Allzu viel Geld hatte sie seit der Scheidung nicht mehr zur Verfügung. Nicht nur, dass sie ihr ganzes behütetes Umfeld mit großem Haus, eigenem Auto, Putzfrau und standesgemäßer Garderobe aufgegeben hatte, nein sie hatte sich auch auf Jobsuche begeben müssen.
Behütetes Umfeld – Unsinn – es war ein goldener Käfig gewesen und es hatte vor der Hochzeit genügend Warnungen gegeben. Vor allem Petra hatte sie vor Thomas gewarnt.

Du bist verrückt, wenn Du für ihn dein Studium aufgibst, hatte sie gewarnt. Schau dir doch sein Umfeld an, alles verwöhnte Söhne und Töchter aus reichem Haus. Du bist schön, Kirsten, deshalb will er dich und du bist intelligent, damit kann er angeben. Aber wenn er deine Intelligenz schätzen würde, dann würde er nicht verlangen, dass du mit der Heirat dein Studium schmeisst und pro forma in die Firma seines Vaters eintrittst.

Ob Petra jemals erlebt hatte, wie es ist, wenn man in einen Sog gerät, der mit Liebe nur unzureichend zu umschreiben ist? Dieses Gefühl, dass dich machtlos macht gegenüber allen vernünftigen Überlegungen? Deine Hormone spielen verrückt, du bekommst diesen Tunnelblick, an dessen Ende du nur IHN siehst. Nein, Petra kannte das wohl kaum. Zielstrebig hatte sie ihre Examina abgelegt und am Ende Achim, ihren langjährigen, langweiligen aber grundsoliden Freund aus Kindertagen geheiratet.

Kirsten hatte seit ihrer Hochzeit mit Thomas kaum noch Kontakt zu Petra. Ziemlich unverhohlen hatte ihr Mann ihr zu verstehen gegeben, dass diese Leute nicht so ganz  zu ihnen passten. Nicht dass er ihr den Umgang mit Petra direkt verboten hätte, so dumm war Thomas nicht, aber irgendwie hatte er es immer verstanden ihre private Freizeit so zu gestalten, dass dort für die alten Freunde kein Platz mehr blieb.

Thomas! Eigentlich wollte Kirsten ihren Ex aus ihren Gedanken verbannen, endgültig, gnadenlos. Grund genug hatte sie dazu und es wäre verdammt nochmal sinnvoller sich auf die gegenwärtigen Probleme zu konzentrieren. Aber irgendwie drängelten sich immer wieder die Erinnerungen vor die vernünftigen Überlegungen. Auf der Sommernachtsfete der Uni war es gewesen, als sie zum ersten Mal auf ihn aufmerksam wurde. Oder nein, ER drängte sich geradezu in ihr Gesichtsfeld, überwand in Windeseile ihre sonst gut ausgeprägten Schutzmechanismen, plauderte, flirtete, tanzte wie Patrick Swayze persönlich und sah dazu noch unverschämt gut aus. Nicht einen Moment lang versuchte er vorzugeben selbst zu den Studenten der Uni zu gehören. Er war so verdammt selbstsicher. Erst viel später hörte sie von seiner Schwester, dass er mit Ach und Krach und viel familiärer Einflussnahme das Abitur geschafft hatte.

Scheisskerl! Kirsten versuchte ihre Gedanken wieder auf die vor ihr liegenden Jobangebote zu lenken. Schließlich sprachen ihre Bankauszüge eine deutliche Sprache und wenn sie ihr Studium wieder aufnehmen wollte, brauchte sie einen lukrativen Nebenjob. Doch was hatte sie selbst schon zu bieten? Abitur und ein abgebrochenes Medizinstudium – der Job als Assistentin ihres Mannes im Pharmabetrieb seines Vaters war rein repräsentativ gewesen.
Schatz, tu einfach, was du am besten kannst – sei schön und lächle. Ich werde unseren Geschäftspartnern schon unterjubeln, dass du Medizin studiert hast. Was glaubst du, wie gut sich das macht.
Als der Erste sie mit Frau Doktor ansprach, war sie zusammengezuckt und hatte diese Annahme sofort richtig gestellt. Thomas hatte geschäumt vor Wut. Wie um alles in der Welt hatte sie auf diesen Mann hereinfallen können? Aber da waren seine Augen gewesen, seine Hände, seine Küsse, die ersten gemeinsamen Nächte, die in ihr nach mehr schrieen. Gestern hatte er plötzlich wieder vor ihrer Tür gestanden und sie waren nach zwei Gläsern Rotwein im Bett gelandet. Es funktionierte immer noch, das war das Schlimmste.

Und danach hatte er gelacht, hatte sie ausgelacht. Nein, das nicht, nie wieder! Kirsten zerriss die Bankauszüge und hob den schweren gläsernen Briefbeschwerer auf, der dunkelrote Flecken auf ihnen hinterlassen hatte.  Verbrennen, abwaschen, beseitigen . . . logisch denken konnte sie schließlich immer noch.  Aber wie beseitigt man eine Leiche, Frau Doktor? Das mit den Jobangeboten musste erstmal warten.