Sabines Wochenende
Missmutig räumte sie die Geschirrspülmaschine aus. Ob aus diesem verkorksten Wochenende noch irgendetwas herauszuholen war? Die Kinder waren mit ihren Freunden in Urlaub gefahren und Peter musste nach einem Notruf am frühen Morgen in die Klinik. Noch nicht mal für ein gemeinsames Frühstück war ihnen Zeit geblieben. Aber war das nicht auch schon egal? Ob er überhaupt noch wusste, wie seine Ehefrau aussah, wenn er sich am Samstagmorgen hinter der Zeitung verschanzte?
Au – verdammter Mist, jetzt hatte sie sich auch noch am Messer geschnitten. Sie drückte das Geschirrtuch gegen die Fingerkuppe und lief ins Bad um sich ein Pflaster zu holen. Der Blick in den Spiegel gab ihr den Rest. War sie das wirklich, diese Frau mit den zerzausten, ungekämmten Haaren, mit den Mundwinkeln, die offenbar immer mehr der Schwerkraft nachgaben? Ich im Merkel-Look? Dieser Gedanke ließ sie dann ihr eigenes Spiegelbild angrinsen und es grinste zurück. Na bitte, geht doch, dachte sie und verklebte sorgfältig das Pflaster über dem kleinen Schnitt. Dann gönne ich mir eben einen Tag für die Schönheit!
Kurz entschlossen ging sie zum Telefon und rief ihren Friseur an.
Termin? So kurzfristig? Und das am Samstag? Bei aller Freundschaft Frau Barthold, das geht nun garnicht.
Wirklich nicht?
Wirklich nicht!
Na dann, Herr Mayer, die Stadt hat noch mehr Friseursalons.
Aber Frau Barthold, Sie könnten gleich am Dienstag . . .
Frau Barthold legte auf. Und irgend etwas machte klick. Sie hätte es nicht gleich benennen, allenfalls mit einem wenig damenhaften ihr könnt mich alle mal umschreiben können. Sabine ging singend unter die Dusche, fönte sich die Haare trocken, zog sich an und war auf einmal nicht mehr zu bremsen.
*
Peter Barthold sah seine Frau ein letztes Mal an diesem Tag an. Gerade war ihre Ehe nach fast zwanzig Jahren geschieden worden. Und da drüben auf der anderen Straßenseite stand der Typ mit dem jungenhaften Grinsen im Gesicht. Sabine hatte ihm erzählt, dass er fünf Jahre jünger war als sie.
Na und? – hatte sie erwidert, als er fragte, ob das nicht ein bisschen peinlich sei. Du bist fast Vierzig, meine Liebe. Und dachte daran, dass er selbst im nächsten Jahr die Fünfzig erreichen würde. Aber das war bei einem Mann in seiner Position doch etwas anderes oder nicht? Ob Sabine wusste, dass seine Freundin kaum älter als sein Sohn war?Ob sie überhaupt wusste . . .
Peter räusperte sich.
„Ja also dann, wenn du etwas brauchst, Sabine, ich meine, das kann ja nicht lange gutgehn. . .“ er merkte, dass er den Anderen unverhohlen anstarrte. Sabine sah ihn an und dann sah er – was in ihrem Gesicht? War es Mitleid mit ihm, konnte es das sein, was ihr Gesicht widerspiegelte?
„Lass gut sein, Peter. Wir sehn uns dann nächstes Wochenende mit den Kindern – okay?“
Und sie ging, ging einfach rüber zu dem Typ mit dem Mini, der sie umarmte. Sabine - in Jeans, Turnschuhen und einem Pferdeschwanz, der sie auf einmal um so vieles jünger aussehen ließ.
Frau Barthold hatte auch den Friseur gewechselt.
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