Kalte Novemberluft schlug ihr entgegen, als sie aus der Sprachschule ins Freie trat. Sulagori lebte jetzt seit mehr als zwei Jahren in Frankfurt und hatte sich noch immer nicht an den Wechsel der Jahreszeiten gewöhnt. Am unangenehmsten war ihr der Winter. Wie anders war das zu Hause gewesen, wo selbst während der Regenzeiten immer milde Temperaturen herrschten. Tränen traten ihr in die Augen und sie konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob es der Wind war oder die Erinnerung an die Inseln im Südpazifik. Unendlich lange schien es ihr her, dass sie morgens am Strand von Vanuatu den Fischern nachgeblickt hatte, die mit ihren Booten hinausfuhren oder sich in ihrer Schulmädchenuniform in der kleinen Inselschule auf ein anderes Leben vorbereitete. Viele der Einwohner Vanuatus waren Analphabeten, aber ihr Vater war ein gebildeter Mann. Er arbeitet als Seismologe an einer neuseeländischen Universität, um mit anderen noch bessere Möglichkeiten der Vorhersage von seismischen Wellen, Vulkanausbrüchen oder Tsunamis zu schaffen. Seit Jahrzehnten sprach man von Klimaveränderungen und zu erwarteten Katastrophen. Spätestens nach den verheerenden Tsunamis Anfang des 21. Jahrhunderts wussten die Menschen des Südpazifiks um die Gefahr in der sie lebten. Sulagori lebte mit ihrer Mutter, der Großmutter und ihren Geschwistern ein beschauliches Leben, aber wann immer der Vater nach Hause kam, verfolgte sie aufmerksam, was er erzählte. Und er wollte, dass seine Kinder eine gute Ausbildung bekamen und später vielleicht selbst auf Neuseeland Arbeit bekämen.

Sulagori schluckte die Tränen hinunter wie immer, wenn sie an den Oktobertag 2021 dachte, als der Vulkan Mount Yasur dann tatsächlich mit aller Gewalt ausbrach. Ihr Vater Ratifo  hatte sich zu diesem Zeitpunkt auf der dortigen seismischen Station befunden. Niemand, der dort arbeitete, konnte sich retten und die dem Ausbruch folgenden Erdbeben und Tsunamis überfluteten viele Inseln. Einige Inseln würden auf  Jahre hinaus, manche für immer unbewohnbar bleiben. Selbst Neuseeland und Teile Australiens spürten noch die Auswirkungen dieser gewaltigen Katastrophe. Die Welt reagierte schnell und umfassend. Hilfsprogramme lagen schon seit Jahren auf den Computerfestplatten in den USA ebenso wie in Europa, Kanada und Australien. Die Überlebenden wurden nach einem ausgeklügelten Schlüssel auf die reichen Kontinente verteilt, die sie aufnehmen konnten. So war Sulagori in Deutschland gelandet und schließlich in Frankfurt in einer Pflegefamilie aufgenommen worden. Niemand konnte ihr sagen, ob andere Mitglieder ihrer Familie überlebt haben. Lélépa, ihre Heimatinsel, gab es nicht mehr.

Sulagori zog sich die Kapuze ihres Parkas über den Kopf. Sie war jetzt 14 Jahre alt und eigentlich, so sagte sie sich jedenfalls immer und immer wieder, hatte sie es doch gut getroffen. Es hätte schlimmer kommen können. Sie sprach bereits sehr gut Deutsch, besuchte inzwischen eine internationale Schule und hatte Pflegeeltern, die ihren Wunsch nach einer guten Ausbildung unterstützten. Genau so wie es Ratifo gewollt hätte. Trotzig stemmte sie sich dem kalten Novemberwind entgegen, um so schnell die möglich die nächste U-Bahn zu erreichen. In der B-Ebene blickte sie auf Werbeplakate: Trauminseln der Südsee – buchen Sie jetzt! Wie schnell doch in  Europa das Vergessen begonnen hatte.

Sulagori blinzelte. Hatten sich gerade die Wellen auf dem Plakat bewegt?  Nein, das war nicht möglich und doch hatte sie das Geräusch in den Ohren mit denen sie sanft am Strand anlandeten. Dieses Geräusch, das ewige, immerwährende, nicht das Geräusch der großen grausamen Welle, die ihre Kindheit so plötzlich zerstört hatte.
“Au” – ein anderer Passant, der dem Novemberwind Eile entgegensetzte, hatte sie angerempelt. Sulagori rieb sich den Arm und hastete ebenfalls entschlossen zur nächsten Rolltreppe.

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Zum “Making of”  ;-)

Sulagori war eine der typischen Buchstabenkombinationen aus einer Captchaabfrage und weckte in mir sofort den Wunsch, daraus eine Geschichte zu machen. Als ich in meinem Blog dazu etwas schrieb, spann ein Leser den Faden mit ein oder zwei Sätzen weiter – die typische Südseeromatik *lach*. Bei ihm tauchte der Name “Ratifo” auf (etwas anders geschrieben), ebenfalls ein Captchawort.  Sulagori hieß bei mir damals aber noch Sulogori, für diese Geschichte erschien mir dann der Vokalwechsel noch etwas klangvoller. Alle anderen Namen gibt es wirklich, also der Inselstaat Vanuatu existiert ebenso wie der Mt. Yasur. Und ich hoffe, dass der Südpazifik von dieser Horrorversion verschont bleibt.
Elke Heinze

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