Wappen_Sindlingen

Sindlingen ist der südwestlichste Stadtteil von Frankfurt. Er liegt noch auf der Höchster Mainseite, grenzt an Höchst, an Zeilsheim und an die Stadt Hattersheim. Durch den Sindlinger Kreisel, die Bahnlinie und die Farbenstraße ist Sindlingen etwas merkwürdig zweigeteilt. Eine Erklärung für das Wappen konnte ich bisher nicht finden. Aber Ländereien auf Sindlinger Gebiet gehörten mal zum Kloster Lorsch. Der Name Sindlingen soll aus dem Alemannischen kommen (die Endung -ingen deutet darauf hin). Ein alemannischer Siedler mit dem Namen Sundo oder Sundilo soll an der Stelle des späteren Sindlingen einen Gutshof errichtet haben, aus dem sich nach und nach ein Dorf entwickelte, dass den Namen des ursprünglichen Gründers und Gutsherrn im Namen bewahrte. Genauere Informationen sind nicht gesichert. In der ersten schriftlichen Urkunde wird Sindlingen noch Sundilingen genannt, was soviel wie bedeutete wie „Zu den Mannen oder Nachkommen des Sundo oder Sundilo gehörig“. Quelle: Wikipedia
Nach Sindlingen führte mich am 14. Oktober 2009 meine Neugierde auf die Villa Meister – schon oft gelesen, nie dort gewesen, obwohl Sindlingen nun wirklich nicht weit von Unterliederbach entfernt ist. Wie die meisten Höchster und Unterliederbacher (Zeilsheimer, Sindlinger etc.) bin ich mit den Farbwerken Hoechst groß geworden (später Hoechst AG), die in meiner Kindheit nur “Die Rotfabrik” hieß. Diese Fabrik wurde zunächst durch die Herstellung von Anilinfarben groß und ihre Gründer von 1863 hießen Carl Friedrich Wilhelm Meister, Eugen Lucius und Ludwig August Müller. Später ersetzte Adolf von Brüning den Dritten im Bunde, sodass man meistens von der Höchster Farbenfabrik Meister, Lucius & Brüning spricht.
Es war Herbert von Meister, ein Sohn des  Carl Friedrich Wilhelm Meister, nach dem heute die Villa am Main mit großem Park, Pferdeställen und einer Remise benannt ist. Ihr Ursprung ist allerdings noch wesentlich älter und einst hieß sie “Villa unter den Linden”. Dieser Name nahm Bezug auf eine Lindenallee direkt unterhalb der Terrasse am Main.
villamainAnsicht vom Mainufer aus
Ich war  einigermaßen verblüfft, als ich  durch das Tor des Kutscherhauses aus in den Park kam. So groß hatte ich mir das Anwesen nicht vorgestellt. Es handelt sich um eine schlossähnliche Anlage im Stil des Neobarock von 1902/04 in einem mauerumfriedeten Park mit Orangerie, Kutscherhaus, Pferdestall und Gärtnergebäude. Es waren italienische Kaufleute – Andreas und Franz Vaccani – die 1740 ein Hofgut in Sindlingen erwarben und es später an einen Karl Franz Allesina aus dem Piemont verkauften. Irgendwo habe ich für die Brüder Vaccani den Begriff “Galanteriewarenhersteller” gelesen – herrlich! Es handelte sich dabei um Brokatbänder in Gold und Silber.
Einer der Allesinabrüder heiratete 1724 in die Familie Brentano ein (die, wie sollte es auch anders sein, ebenfalls italienischstämmig ist). 1774 wurde in großem Stil Goldene Hochzeit gefeiert, bei der auch der junge Johann Wolfgang von Goethe anwesend war sowie einer der Brüder Bolongaro. Ich staune immer wieder, wie viele reiche italienische Kaufleute in unserer Gegend lebten. Insofern ist die Ähnlichkeit zwischen der Villa Meister und dem Höchster Bolongaropalast, die ich gleich empfunden habe, auch erklärbar.  Im 19. Jahrhundert verlief die Geschichte sehr wechselvoll. Es gab einen russischen Besitzer – Gardeleutnant Basil von Bessabrasoff - einen sächsischen Besitzer aus Leipzig, erneut einen russischen und schließlich erwarb der Frankfurter Anton Schäfer, über den nichts Näheres bekannt ist – außer dass er viele Hunde besessen haben muss – das Gelände.  Für sie ließ er im Park kleine Grabstellen bauen, die man angeblich dort noch finden kann (ich hab keine entdeckt, vielleicht sind es die Sandsteinskulpturen, wie die unter dem großen Baum). Schließlich wurde der Besitz zur Gaststätte “Zur Schönen Aussicht” und die war sicher noch viel schöner als heute. Heute schaut man zumindest in einer Richtung direkt auf das Hafengelände des Industrieparks und die neue Brücke.
Als 1902 schließlich Herbert von Meister das Anwesen erwarb, wurde das ursprüngliche Herrenhaus der Italiener abgerissen, um Platz für Remise und Reitställe zu schaffen. Die “Villa unter den Linden” wurde etwas weiter südlich auf einer Terrasse direkt am Mainufer erbaut. Architekt war der damals bekannte Franz von Hoven, der die neue Villa mit einer raffinierten Wasserversorgung versah und einem großen Eishaus im Garten unter einem Hügel als Vorratskammer. Der Pferdestall wurde vom Park durch ein Tor getrennt, das mit dem Reichsadler und dem Mainzer Rad geschmückt ist.

Remise – Eingang von der Allesinastraße aus
orangerieOrangerie – heute Café
Park und Gärtnerei – es gibt ein Gärtnerhaus am Beginn der Kastanienallee – wurden bis 1982 von einer Familie Fausel gepflegt. Die Gewächshäuser sind inzwischen nicht mehr vorhanden, die Orangerie dient als Café der Therapieeinrichtung. Herbert von Meister starb bereits 1919 mit dreiundfünfzig Jahren. Er und später seine Familie haben sehr viel Geld für soziale Einrichtungen gespendet (etwas, wodurch sich die Farbwerke Hoechst noch lange auszeichneten).  Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Villa Meister von der amerikanischen Besatzung beschlagnahmt und Else von Meister und ihre Tochter zogen in die Wohnung über den Pferdeställen. Die Villa wurde später in einem sehr schlechten Zustand zurück gegeben. [Meine Informationen habe ich zum größten Teil von einer großen Tafel im Eingang der Villa Meister.] Else von Meister starb 1967 im Alter von 95 Jahren.  Ihre Tochter Elisabeth lebte bis 1987.  — Eine kleine persönliche Anmerkung sei mir gestattet: Ich weiß nicht, ob es normal war, dass die von den Amerikanern beschlagnahmten Häuser in schlechtem Zustand zurückgegeben wurden. Mein Elternhaus, das 1927 von meinem Großvater erbaut wurde (er war Werksmeister in der “Rotfabrik”) war ebenfalls beschlagnahmt und wurde 1955 zurückgegeben. Meine Eltern erzählten immer, dass es in gutem Zustand war und die Amerikaner sogar einiges an Modernisierungen vorgenommen hatten.
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