Es ist doch erstaunlich, wie ein gutgemachter historischer Kriminalroman nachwirken kann. Kürzlich konnte ich mir den lang erwarteten 5. Teil der Reihe um den Wiener Totengräber Augustin Rothmayer und Inspektor Leo von Herzfeldt als Hörbuch downloaden. Die Geschichten spielen im Wien Ende des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, in der unglaublich viel im Umbruch war. Die vier ersten Bände haben mich schon begeistert und der fünfte nun ebenfalls. Der Autor Oliver Pötzsch ist ein fantastischer Erzähler, der für seine Romane sehr intensive, historische Recherchen betreibt. Zudem sind seine Charaktere so gut ausgearbeitet, dass ich sie beim Hören wie in einem Film vor Augen habe. Dazu trägt natürlich in hohem Maße auch der hervorragende Sprecher Hans Jürgen Stockerl bei.
Der Totengräber und der Orden des Teufels
(Keine Werbung, Hörbuch wurde bei Audible gekauft. Buchvorstellung unbeauftragt und ohne geldwerten Vorteil)

Ein blutiges Ritual erschüttert das vornehme Wien des Jahres 1896: Bei einer vermeintlich satanistischen Messe wurde eine junge Frau bestialisch ermordet – ihre Kehle durchgeschnitten, Zunge und Herz fehlen. Als Inspektor Leopold von Herzfeldt mit den Ermittlungen beauftragt wird, stößt er auf eine Freimaurer-Loge. Aber hat er es wirklich mit Teufelsanbetung zu tun? Der Totengräber Augustin Rothmayer, empört über eine Grabschändung auf dem Zentralfriedhof, bietet ihm seine Hilfe an. Gemeinsam mit Herzfeldts Verlobter, Julia Wolf, und dem aufstrebenden Nervenarzt Dr. Sigmund Freud folgen sie einer Spur, die sie in die Abgründe der Wiener Gesellschaft und einen seltsamen Orden führt. Ihre Anstrengungen, den Mord und weitere aufzuklären, scheinen von höchster Stelle boykottiert zu werden.
Dieser fünfte Band ist eindeutig der politischste der gesamten bisherigen Reihe und ich habe mich gefragt, inwiefern der Autor sich dabei auch von der aktuellen Weltsituation hat inspirieren lassen. Vieles was zu dieser Zeit in Wien hochkochte, führte dreißig Jahre später zu der Katastrophe des Dritten Reiches in Deutschland mit den bekannten furchtbaren Auswirkungen. Weil die Parallelen so offensichtlich sind, kam ich nicht umhin, selbst zu recherchieren.
Und ja, den im Roman beschriebenen Vizebürgermeister von Wien, Karl Lueger, gab es wirklich. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Wien zu einer Hochburg des modernen, rassistischen und politischen Antisemitismus. Angetrieben von Wirtschaftskrisen und starker Zuwanderung, instrumentalisierten populistische Politiker wie Karl Lueger den Judenhass als erfolgreiches Massenphänomen und Wahlkampfmittel. Und das, obwohl der damalige Kaiser Franz Josef I. Lueger die Amtseinführung zum Oberbürgermeister mehrfach verweigerte. Franz Josef schätzte die Juden als fleißige und loyale Untertanen. Antisemitismus wird zum wesentlichen Bestandteil der Ideologie der Christlichsozialen. Lueger wurde zum Vorbild Adolf Hitlers. Nur dass dieser sein Vorbild leider noch in den Schatten stellte. Um das jetzt nicht ausufern zu lassen, verlinke ich euch hier mal einen Auszug aus dem Wien-Wiki zum Thema.
Zu dieser Zeit agierten viele antisemitische Phantasten, Okkultisten, Sektierer und Rassisten, die befürchteten, die „nordische Rasse“ werde von den die Weltherrschaft anstrebenden Juden überrollt werden. Diese Typen sind im Roman der „Orden des Teufels“, Männer, die sich selbst als Tempelritter bezeichnen und Wotan huldigen. Nebenbei habe ich auch die Entwicklung des späteren Hakenkreuzes der Nazis recherchiert. Dieses Symbol ist eine Abwandlung eines uralten Kreuzes, das es in vielen Kulturen gibt und eigentlich immer positiv beladen war: Das/die Swastika (aus dem Sanskrit), auf deutsch Glücksbringer. Im Altnordischen wird eine ähnliche Darstellung als „Sonnenrad“ bezeichnet.
Neben diesen höchst interessanten politischen Aspekten fasziniert mich in dieser Reihe aber auch immer wieder die Atmosphäre des alten Wiens, die ebenfalls ganz hervorragend geschildert wird. Man erfährt sehr viel über die Lebensbedingungen der unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen in dieser Zeit. Dass der Roman nebenbei auch noch sehr spannend ist, muss ich nicht extra betonen. Das Fin de Siècle scheint viele Krimiautoren zu inspirieren. Ich denke gerade an das Hörbuch „Die Farbe des Bösen“ von Ralf H. Dorweiler, das ich vor kurzem gehört habe. Hier spielt die Geschichte in Hamburg von 1887. Auch eine Reihe in bisher zwei Bänden, die mir gut gefällt.
Sigmund Freud
In historischen Romanen finden wir immer mal wieder real verbürgte Personen, denen fiktive Handlungen angedichtet werden. Ich finde das nicht ganz unproblematisch. Als AutorIn muss man sich da schon sehr sicher sein, dass man sich damit keinen Ärger einhandelt. Sigmund Freud, der Begründer der modernen Psychoanalyse, ist hier durchaus als handelnder Charakter eingebunden. Und das hat mich jetzt, nachdem ich von politischer Hintergrundrecherche erstmal genug habe, veranlasst, mich auch nochmal mit Freud zu beschäftigen. Einiges weiß ich über ihn schon, aber zu Zeit, als ich mich mit Psychotherapie beschäftigt habe, war Freud ein bisschen in den Hintergrund gedrängt worden. Ich denke, es wird sich lohnen, dass ich mich mit ihm noch einmal intensiver beschäftige.
„Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.“
Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Leipzig 1930
Das war nun mal eine etwas andere Buchbesprechung, vor allem für einen Krimi. Ich hoffe, es war trotzdem interessant. Das Hörbuch habe ich bei Audible gekauft. Das gedruckte Buch erscheint wie die anderen Bände auch im Ullstein Verlag als Paperback und E-Pub, als auch bei Amazon für den Kindle. Das Beitragsheaderbild wurde durch KI in Anlehnung an das Buchcover erzeugt.



Liebe Elke, das ist sogar sehr interessant. Vom Totengräber habe ich auch schon etwas gelesen. Ich hab mir das jetzt aber noch mal aufgeschrieben – auch den anderen Schriftsteller. Ich lese solche Krimis, die so um diese Zeit spielen, auch sehr gerne. Aber z.B. Familiengeschichten hole ich mir immer wieder… Weiterlesen »
Ich könnte mir vorstellen, dass es ähnliche Aussagen bereits von den griechischen Philosophen gibt. Im Grunde ist das Thema so alt wie die Welt. Und nichts ändert sich. Leider.